"Journey to Cetus" von Thomas Nolte

Prolog

 

Wüste von Nevada, 08.07 2010, 23:30 Uhr Ortszeit

Verdammter Mist, nun sitz ich hier fest. Hier auf diesem harten, unbequemen und metallisch kalten Stuhl, vor diesem blanken und schmucklosen Tisch.
Tief unterhalb eines vergammelten Schuppens, im Nirgendwo einer beschissenen Militärbasis, mitten in der Wüste.
Permanent beglotzt von diesen beiden Deppen die mich aus dem Sheriffbüro von Monterrey geholt und hierher gebracht haben. Vor mir auf dem Tisch der kleine Apparat, der soviel Aufmerksamkeit erregt hatte, das der Sheriff wohl gleich die Typen im dunklen Anzug anrief, die dann am Abend da waren, um mich für ein "intensives Verhör" mitzunehmen.
Der Sheriff war nicht begeistert dass ich ihm so, ohne weitere Erklärungen einfach "entführt" wurde. Aber die beiden waren offensichtlich nicht geneigt mit ihm darüber zu diskutieren. Sie hielten ihm einen abgestempelten Wisch unter die Nase, noch bevor er etwas erwidern konnte.
"Ok ok, ich kann mir Ärger mit euch nicht leisten. Unterschreibt hier und dann nehmt ihn halt mit. Aber dann seht ihr auch zu das er sich hier nie wieder blicken lässt."
Dafür würden sie schon sorgen, dessen war ich mir ganz sicher. Je länger diese, jetzt schon mehrere Stunden währende Fahrt durch die nächtliche Wüste Nevadas andauert, desto klarer wird mir das.
Als wir schließlich an mehreren Schildern vorbei kommen die das Gebiet als militärisches Sperrgebiet ausweisen, dauert es nicht mehr lange bis wir einen streng bewachten Außenposten mit einem großen Tor passieren.
Die Wache öffnet uns sofort, weiß wohl sehr genau wer hier gerade ankommt. Nach kurzem Halt fahren wir durch, steigen schließlich vor einer alten, verrostet wirkenden Baracke aus und treten ein.
Wow, hier drinnen sieht es alles andere als schäbig aus! Leere Wände aus blitzblankem, wie poliert wirkendem Metall, keine Fenster und eine große Klappe vor mir im Boden, aus der ein merkwürdiges Rauschen erklingt.
Augenblicke später erfahre ich auch woher dieses Geräusch rührt. Die Klappe verschwindet mit einem leisen, zischenden Geräusch seitlich im Fußboden und so etwas wie eine Kabine hebt sich aus dem Loch hervor.
"Einsteigen!" höre ich einen der beiden Männer hinter mir blaffen.
Ein Lift, na klar, das dürfte ein Lift sein. Es gibt hier drinnen zwar keine Knöpfe und Schalter und auch keine Anzeige irgendeines Stockwerks, aber die nun folgende Bewegung geht deutlich spürbar und sehr schnell nach unten. Nur gut das ich so lange nichts gegessen habe.
Ungefähr dreißig Sekunden später erreicht der Lift sein Ziel. Die Tür öffnet sich seitlich und macht den Blick auf einen, in eine einzige Richtung führenden Gang frei.
Kurz darauf sitze ich auch schon auf diesem Stuhl.

"Wer sind sie und woher kommen sie?" fragt der dünnere von den Beiden mich ruhig, während der andere die Kamera in der linken, oberen Raumecke auf mich positionierte. "Sie haben absolut nichts bei sich womit sie sich ausweisen könnten, also wer sind sie? wiederholt er die Frage. Mist, wie soll ich denen das bloß erklären, ohne dass ich in einer Irrenanstalt lande? Sofern die mich nicht vorher schon gründlich durchgekaut, irgendwo auf nimmer Wiedersehen in irgendeinen Straßengraben gespuckt haben.
"Ich komme aus Eur... äh Deutschland" höre ich mich sagen, "mein Name ist Markus Bergmann". Ich muss irgendwie Zeit gewinnen, mir eine plausible Geschichte ausdenken.
"Sie sind Deutscher?" fragt der Dünne, anscheinend etwas überrascht. "Wie und wann sind sie in die USA gekommen?" "Und vor allem warum? dröhnt plötzlich der andere Mann"
"Was hatten sie bei den Walen zu suchen und was ist das für ein Apparat?", zeigte er auf das kleine Gerät auf dem Tisch. "Regen sie sich doch nicht so auf, ich erzähl ihnen schon alles! Kann ich vorher bitte meine Botschaft anrufen?" Mir ist klar wie lächerlich diese Frage auf die beiden wirken muss, aber mir fällt im Moment nichts anderes ein als naiv zu tun.
"Unter normalen Umständen wäre das sicher kein Problem, Herr Bergmann. Allerdings gibt es hier im Umkreis von zweihundert Meilen kein Telefon."  "Das ist doch eine Militärbasis, hier muss es hunderte Telefone geben!" "Nicht für sie!" flüstert der Dünne leise vor sich hin lachend, was klingt wie das Hecheln eines alten, astmathischen Hundes. "Was ist das für ein Gerät, mit dem sie den Wal bearbeitet haben"? Woraus ist es, es scheint überhaupt nichts zu wiegen"? Mist, da die Typen offensichtlich keinen Hehl daraus machen das ich mich in ihrer Gewalt befinde und es immer fraglicher wird ob ich hier jemals wieder heraus komme...was soll's..."es kommt aus dem All!"

Hähä, das muss sie doch förmlich aus den Socken hauen, oder zumindest in tosendes Gelächter ausbrechen lassen, oder....... "Das wissen wir bereits, erzählen sie uns was neues, Mister! Wozu ist es gedacht, was macht es?" Nanu, die hatten doch gar keine Zeit das Ding zu untersuchen, gar nicht möglich das die irgendwas wissen. "Sie wissen das? Woher zum Teufel wissen sie das?"
"Nur weil die Menschen vieles nicht wissen, heißt das noch lange nicht dass es vieles nicht gibt! Das muss ihnen als Antwort vorerst genügen!" "Ansonsten stellen hier wir die Fragen Bergmann, also raus mit der Sprache!"
Verdammt, ich hab absolut keine Ahnung mit wem ich es hier zu tun habe, aber gewöhnlich Agenten sind das offensichtlich nicht!
Ich denke ich sollte ihnen einfach die ganze Geschichte erzählen, das scheint die einzige Chance zu sein jemals mit heiler Haut hier heraus zu kommen.
Wenn sie mich am Ende hinter dem Schuppen erschießen hab ich wenigstens alles versucht sie zu retten, die verdammte Menschheit!!
"Na gut, aber das wird eine ziemlich lange und für sie sicher unglaubliche Geschichte."
"Erzählen Sie ruhig, Sie haben keine Vorstellung davon was wir alles glauben."
"Na schön, aber dann unterbrechen Sie mich auch nicht mit irgendwelchen, blöden Bemerkungen!"
Die Kamera auf mich fixiert, die Blicke der beiden Typen auf mir haftend und das rettende Gerät vor mir auf dem Tisch beginne ich also mit meiner Geschichte.

"Halten sie sich fest, das Ganze wird geschehen im Jahre 2054, genauer gesagt im Juli 2054!
Wie man sich sicher vorstellen kann hat sich, gegenüber Ihrer Zeit sehr viel verändert.
Alles aufzuzählen wäre sicher müßig und würde bei weitem zu viel Zeit beanspruchen. Außerdem ist es für diese Geschichte kaum von Belang. Nur soviel, nach einem großen, aber verhältnismäßig kurzen Krieg 2035, der fast in einer nuklearen Katastrophe geendet hätte, gibt es nur noch fünf Regierungen auf der Welt, deren Territorien in etwa denen der heute bekannten Kontinente entsprechen.
Warum dieser Krieg so plötzlich beendet wurde weiß eigentlich niemand. Es hält sich aber hartnäckig das Gerücht, das die fünf führende Köpfe der neuen Regierungen, von so etwas wie einer Vision heimgesucht wurden und ihnen dabei Kenntnisse über "neuen Möglichkeiten" verliehen wurden.
Sie hatten anscheinend einen großen Einfluss auf die Kriegsparteien.
Na egal, nach dem Beenden des Krieges wurde jedenfalls schnell erkannt das die vielen, verschiedenen, Religionen, das alles beherrschende Weltwirtschaftssystem, sowie die daraus resultierende mehrklassen Gesellschaft die Menschen immer mehr entzweien und am Ende völlig vernichten würden.
Also beschlossen die neuen Führungen ein völlig neues System zu entwickeln, das dem entgegenwirkt. Klar dass sehr viel Zeit vergehen würde, bis sich so was realisieren lassen würde.
Aber die Welt befand sich im Umbruch und das ist das Entscheidende. Leider war die Kehrseite der Medaille, dass viele Menschen zu so einer Veränderung nicht so ohne weiteres bereit waren.
Dieser Umstand machte den Vorgang der Veränderungen über Jahre zu einem zähen Unterfangen. Ebenso waren die, immer noch vorhandenen Religionsführer nicht bereit ihre Macht so einfach abzugeben.
Es kam also wie es kommen musste! Nach und nach entflammten überall auf der Welt kleinere Konflikte zwischen der "Neuen" und der "Alten" Welt, die immer größere Ausmaße annahmen.
Schließlich, Anfang 2054 war jedem klar das ein neuer, dieses mal alles zerstörender Krieg bevor stand und unserem Treiben wohl endgültig ein Ende setzen würde.
Bis zum morgen des 01.Juli 2054, dem Tag des großen Ereignisses!

Eigentlich begann es mit einer kleinen, automatisch gesendeten, eher unbedeutenden Meldung eines europäischen Satelliten.
Dieser befand sich im Orbit über dem Mittelmeer und sollte ungewöhnliche Aktivitäten, womöglich militärischer Art in diesem Bereich melden, was er am Morgen dieses 01.Juli auch tat.
In der Nähe befindliche Luftaufklärer wurden sofort ausgesandt um sich ein genaues Bild zu machen.
Außer einer ungewöhnlich hohen Anzahl an Walen, die aus irgendwelchen Gründen gemeinsam in eine Richtung schwammen, bemerkten diese aber nichts.
Etwa dreißig Minuten später folgte eine weitere Meldung, diesmal wurden Bewegungen fünfhundert Kilometer weiter nördlich gemessen. Schnell vor Ort kam man auf genau das gleiche, merkwürdige Ergebnis. Ungewöhnlich viele Wale schwammen gemeinsam, anscheinend alle mit dem gleichen Ziel.
Innerhalb weniger Stunden häuften sich derartige Meldungen auf der ganzen Welt.
Selbst an Orten, an denen noch nie Wale gesichtet wurden, bildeten sich ganze Schwärme und niemand wusste woher sie plötzlich kamen. Galten sie doch als größtenteils ausgerottet, konnten sie eigentlich nur im Verborgenen überlebt haben.
Nun ja, da den Menschen die Erforschung des Weltraums schon immer wichtiger war, als die Erforschung des eigenen Planeten, war die Möglichkeit in den Tiefen der Meere unentdeckt überleben zu können anscheinend wohl recht hoch.
Zumindest schien das die einzige Erklärung für ihr plötzlich so zahlreiches Auftreten zu sein.
Wie dem auch sei, anscheinend hatten all diese Wale ein bestimmtes, bisher unergründliches Ziel.
Natürlich machten sich kurze Zeit später, sofort nach bekannt werden dieses Phänomens zahlreiche Religionsführer, Sektierer und andere Gruppierungen daran, irgendwelche Weltuntergangsgeschichten zu erfinden, oder an bekannte anzupassen, was unter den erstaunten Menschen schnell zu Angst und Panik führte.
Führende Wissenschaftler und Meeresbiologen auf der ganzen Welt rätselten über das merkwürdige Verhalten der Wale und kurzzeitig drängte dieses Ereignis tatsächlich alles andere auf der Welt in den Hintergrund.
Forschungsschiffe und in der Nähe befindliche Schiffe der amerikanischen Navy, sowie der europäischen Marinegemeinschaft machten sich auf den Weg, um die Wale näher zu beobachten, ihnen zu folgen und heraus zu finden wohin sie schwammen.
Aber diese großen, eher trägen Tiere waren so unglaublich schnell, das eine Verfolgung zwecklos war. Nachdem eiligst Berechnungen über den Kurs der Wale angestellt wurden, kam man relativ schnell darauf, dass der Atlantische Ozean das Ziel sein müsste.
Dort bewegten sich die Tiere auch am langsamsten vorwärts, als würden sie auf die anderen warten.
Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten berücksichtigend ergaben sich dadurch dann annähernd genaue Berechnungen über das Ziel der Wale.
Zu diesem Zeitpunkt wurde ich übrigens, als einer der führenden Meeresbiologen mit Hauptgebiet Wale und Delphine, mit der Sache direkt konfrontiert. Weil ich zufällig auf einem der Schiffe an meinen Studien arbeitete.

Die Menschen gerieten immer mehr in Angst, je näher die Wale ihrem vermeintlichen Ziel kamen.
Warum taten die Tiere das und woher kamen sie überhaupt so plötzlich?
Wieso zeigten sie sich jetzt, wenn sie doch so lange im Verborgenen gelebt hatten? War das ein Zeichen, gar ein böses Omen?
Panik machte sich unter den Menschen breit wie ein Virus, der eine alles vernichtende Krankheit in sich birgt.
Rufe die Wale zu töten, einfach alle auf einmal zu zerstören wurden laut. Die typisch menschliche Lösung eines Problems, keine Wale mehr, keine Ängste.
Tatsächlich wurden erste Gedanken laut, dem ganzen Treiben im Meer zum Beispiel mit Unterwasserbomben enormer Sprengkraft Einhalt zu gebieten.
Erste Berechnungen über die notwendigen Mittel wurden schnell angestellt und die ersten Schiffe zogen sich bereits in eine Sicherheitszone zurück.
Während die Wale dem errechneten Punkt immer näher kamen, bereitete man dort also schon alles für ihren Empfang vor.
Bis völlig unerwartet, sechs Tage nach Entdeckung der Walwanderung, am Mittag des  07.Juli absolut alles zum völligen Stillstand kam.
Kein Wind, keine Vögel und absolute Stille im Umkreis von einhundert Kilometern um den Treffpunkt herum.
Keine Elektronik, kein Funk, kein Motor, kein Kommunikator, nicht mal elektronische Feuerzeuge funktionierten mehr.
Flugzeuge die in diesen Bereich hinein fliegen wollten wurden einfach abgestoßen wie von einem gegenpoligen Magneten und flogen plötzlich in entgegengesetzter Richtung.
Es herrschte eine gespenstische Stille die trügerisch ihren Schleier über das absurde Szenario legte, in dem nur die Wellen seicht vor sich hin plätscherten.
Es war also soweit, die Wale waren an ihrem Ziel angekommen.

 

Whales Voyage

 

Wie auch immer die Wale das, in dieser kurzen Zeit eigentlich unmögliche vollbracht hatten, sie alle befanden sich jetzt an einer Stelle im Zentrum des atlantischen Ozeans.
An einem, absolut nichts sagenden und unbedeutenden Punkt im Meer, 400 Kilometer westlich der Azoren.
Hunderte von Walen verschiedenster, zum Teil längst als ausgestorben geltender Gattungen verharrten fast regungslos im Wasser, als würden sie auf etwas warten.
Eigenartig, selbst die Anwesenheit der, einige hundert Meter entfernten Forschungsschiffe und Zerstörer brachte sie nicht aus der Ruhe.
Auch wenn einige dieser Tiere für ihre Zutraulichkeit gegenüber den Menschen bekannt waren, musste diese Ansammlung von Schiffen doch sehr bedrohlich auf sie wirken.
Es sei denn sie wussten, dass ihnen niemand auch nur das Geringste anhaben kann.
Konnte das sein? War es möglich dass wir die Wale trotz ihrer nachgewiesenen Intelligenz unterschätzt hatten?
Steckte mehr in ihrer Präsenz auf diesem Planeten als wir in unserer Arroganz und Überheblichkeit je ahnen würden?

Sie begannen sich plötzlich zu "unterhalten", mit ihren typisch quäkenden, klopfenden und quietschenden Geräuschen zu verständigen.
So laut das selbst ihre Geräusche unter Wasser bis an die Oberfläche drangen.
Kurz darauf drängten sie alle sich zusammen und bildeten so etwas wie einen Kreis.
Eine Scheibe von riesigen Ausmaßen, mit einer ca. dreißig Meter großen, kreisrunden Lücke in der Mitte.
In dieser Formation kreisten sie langsam und gleichmäßig schwimmend immer wieder um diese Lücke herum.
Wie bei einer übergroßen Geburtstagstorte von der jeder erwartete, dass gleich jemand aus ihr heraus springen würde.

Augenblicke später wurde es dunkel.
Am helllichten Tag, in den frühen Nachmittagsstunden des 07.Juli 2054 wurde es plötzlich dunkel, wie in einer tiefschwarzen,  Wolken verhangenen Nacht ohne Mond.
Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen, geschweige denn irgendetwas von der Wasseroberfläche erkennen.
Nur die Geräusche der Wale waren zu hören, sonst nichts.
Ein surreales Szenario, absolut unerklärlich und gespenstisch. Eine ängstliche Unruhe und Panik machte sich bei den anwesenden Männern und Frauen breit, die das Ganze bisher nur tatenlos beobachten konnten. War es das etwa, das immer wieder viel beschriebene Ende der Welt?

Das gleißende Licht kam so schnell das alle sofort geblendet waren. Als würden sie nach einer Sonnenfinsternis direkt in die auftauchende Sonne blicken.
Ihre Augen schmerzten und ließen sie eine Ewigkeit wie blind erscheinen.
Man konnte gar nicht sagen ob es von oben kam und ins Meer tauchte, oder aus dem Meer direkt in den unendlichen Weltraum schoss.
Wie eine Säule, unbeweglich und grell leuchtend stand sie da und füllte den kompletten, inneren Kreis zwischen den Walen aus.
Nachdem sich alle langsam an das Licht gewöhnt hatten wurden sie nun Zeuge eines absolut unfassbaren Vorgangs.
Nach und nach zogen die Wale den inneren Kreis, der jetzt fast wie ein Strudel wirkte immer enger. Die Wale, die sich dem Zentrum des Kreises näherten wurden wie von Geisterhand vollends in die Mitte gezogen und.....verschwanden!
Ja, sie verschwanden im Licht als hätte es sie nie gegeben, lösten sich einfach in Luft auf.
Man hatte den Eindruck das sich mit jedem Wal der verschwand der riesige, komplexe Kreis schneller drehte.
Wie das Auge eines Taifuns sog der zentrale Kreis die Wale mit immer größer werdender Geschwindigkeit in sich auf.
Er drehte sich bald so schnell, das sich eine gigantische Wassersäule wild und laut tosend aus dem Meer erhob und ebenfalls im Licht verschwand.

Keine zwei Minuten später war alles vorbei.
Das grelle Licht wechselte in Sekundenbruchteilen zu einer tiefen Schwärze, als hätte jemand einen Schalter betätigt. Eine gruselige Stille machte sich wieder breit.
Doch noch bevor sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen konnten kam das Tageslicht zurück.
Augenblicke später stand auch wieder sämtliche Energie zu Verfügung.
Nachdem sich alle von dem Erlebten halbwegs erholt hatten wurden sämtliche, verfügbaren Geräte auf die Stelle ausgerichtet, an der eben noch die Wale schwammen.
Aber die Anzeigen blieben tot, offensichtlich waren alle Wale verschwunden.
Wohin, das konnte niemand sagen, oder auch nur vermuten.
Ein paar Satelliten registrierten beinahe zufällig die Präsenz von ungewöhnlich hoher Energie an einem fixen Punkt im Weltraum, mehr nicht.
Da sie langsam verschwand wurden noch eiligst die Koordinaten festgelegt.

Sofort wurde die Nachricht über das Geschehene an die Regierungen weiter gegeben.
Die Nachricht über das Geschehene verbreitet sich, dank der vielen Zivilisten an Bord der Schiffe wie ein Lauffeuer.
Alle Rundfunkstationen unterbrachen ihr Programm und berichteten ununterbrochen von dem was sie hörten, wussten, oder glaubten zu wissen.
Dadurch wurde natürlich allen möglichen Spekulationen Tür und Tor geöffnet, was die Situation sicher nicht gerade verbesserte.
Von Aliens war die Rede, dem Ende der Welt, der Rache der Natur, der biblischen Apokalypse und was den Menschen noch alles so einfiel.
Recht schnell machte sich Angst, Hilf- und Ratlosigkeit in den Köpfen der Menschen breit. Was hatte das alles zu bedeuten?
Nun, diese Frage würde nur ein paar Tage später umso deutlicher beantwortet werden.

 

Confusion

 

Seit zehn Tagen war die Sonne nun schon nicht mehr zu sehen. Tiefdunkle Wolken haben mittlerweile den ganzen Planeten überzogen.
Lange können die Verantwortlichen das den Menschen nicht mehr als atmosphärische Störungen verkaufen.
In den Weltmeeren hatte gleichzeitig ein gewaltiges Fischsterben eingesetzt, für das niemand eine Erklärung hatte.
Auch das Vieh auf den Weiden verweigerte das Fressen und wurde immer schwächer.
Man konnte beinahe den Eindruck gewinnen die Natur beginge eine Art Suizid und riss uns alle mit in den Tod.
Wenn das so weiter ging war es nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Nahrungsmittel Engpass kommen würde.
Schon jetzt begannen die Menschen damit sich mit allem einzudecken, was langsam knapp wurde.
Als nächstes würde die Wirtschaft zusammenbrechen, niemand mehr zur Arbeit gehen.
Krankheiten würden sich ausbreiten, Anarchie würde die Kontinente überschwemmen.
Ein Horrorszenario!

Irgendwas musste also geschehen, aber was?
Es war wohl allen klar dass das Geschehen etwas mit dem verschwinden der Wale zu tun hatte.
Aber was sollte man tun, ihnen eine Postkarte schreiben und sie bitten zurück zu kehren?
Sie suchen, ohne irgendetwas über ihren Aufenthaltsort, oder den Grund ihres Verschwindens zu wissen?
Obwohl, zumindest hatten wir diese Energiemessungen der Satelliten, die auf einen bestimmten Ort im All hindeuteten.
Möglicherweise war das eine winzige Chance sie zu finden, oder überhaupt etwas zu tun.
Nur rum zu sitzen und zu warten, worauf auch immer, dies dürfte für niemanden eine Lösung sein.
Hier war Einigkeit gefragt, Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe.
Normalerweise war es schon zu Friedenszeiten fast unmöglich gewesen alle Regierungen und Wissenschaftler an einen Tisch zu bekommen.
Aber jetzt stand mehr auf dem Spiel als Energieressourcen, Glaubensstreitigkeiten, eitle Regierungschefs, oder das Feindbild irgendwelcher irren Generäle.
Nun ging es augenscheinlich um alles Leben auf der Erde. Hier sind Kräfte am Werk die keinen Unterschied machen ob jemand reich oder arm, einflussreich oder untertan ist.

Die Europäer hatten seit einiger Zeit ein Weltraumprojekt in Arbeit, das zur Erforschung anderer Sonnensysteme dienen sollte.
Durch die politische Entwicklung der letzten Monate war es allerdings auf Eis gelegt worden, da die finanziellen Mittel für militärische Zwecke verwendet werden mussten.
Trotzdem gab es ein fertiges Raumschiff, das relativ problemlos und schnell starten könnte.
Es musste nur eine fähige, aus Spezialisten bestehende Crew gefunden werden, und zwar möglichst schnell.
Das die Wahl dabei auch auf mich fiel war vielleicht Zufall, obwohl ich nicht an Zufälle glaube. Es lag möglicherweise auch an meinen Fähigkeiten und Kenntnissen, die Wale betreffend.
Möglicherweise spielt es auch eine Rolle dass ich schon ein paar Weltraumausflüge hinter mir hatte.
Warum mich das aber gleich zum Leiter der Gruppe machte wird mir dabei immer ein Rätsel bleiben.
Der Rest der Mannschaft bestand aus Martin Jarvis, Australier, Spezialist für Navigation und Kartografie, unserem Navigator also. Er kennt den Weltraum wie seine Westentasche.
Außerdem dem amerikanischen Jetpiloten Andy Hover, der schon mehrmals im Weltraum unterwegs war und unser Pilot sein sollte, sowie der Afrikanerin Anne Markan, die unsere medizinische Abteilung übernehmen sollte und Liu Chang, Chinesin, zuständig für Kommunikation und Technik an Bord. Außerdem sollte sie dafür sorgen dass wir eventuell ein paar Wale mit an Board nehmen würden, sofern wir sie finden.
Ein absurder Gedanke, aber man kann ja nie wissen.
Damit war die Crew auch schon komplett.
Das unser Schiff, wenn auch schon vor einiger Zeit getauft, ausgerechnet "Conqueror" heißen musste, war wieder mal typisch für den intelligenten Menschen.
Weiß der Teufel was die sich mal dabei gedacht haben.
"Eroberer" pah, als wenn wir jetzt noch irgendetwas zu erobern hätten.

 

Conqueror

 

4:35 Uhr morgens, am 24.Juli 2054, Sonnenaufgang in Kourou in Französisch-Guayana.
Hier werden schon seit vielen Jahren Raumschiffe ins All geschossen.
Mittlerweile starten und landen hier auch die wieder verwendbaren Raumfähren und Shuttles aus Europa, Afrika und Asien.
Diesmal startete hier allerdings eine Mission, von der mehr abhing als das beobachten und ausspionieren von vermeintlichen Feinden.
Allen war klar dass hier mehr zu tun sein würde, als auf irgendeinem Mond, oder Planeten Staub und Steinchen zu sammeln.
 
Die Crew war schon vor einiger Zeit eingestiegen und wartete darauf dass es losgeht.
Die letzten Arbeiter wuselten noch um den Startturm herum und machten die letzten Sicherheitskontrollen.
Nachdem auch der letzte von ihnen die Rampe verlassen hatte war es nun soweit.
Nach endlos scheinendem Warten ertönte endlich das Signal in den Kopfhörern der Besatzung.
Der letzte Countdown, vielleicht der allerletzte, begann.
5...4...3...2...1...Zündung....mit einem leichten Ruck begann das Schiff sich zu bewegen.
Immer schneller werdend begannen sich die Fliehkräfte auf die Menschen im Inneren auszuwirken.
Der Druckausgleich sorgte aber recht schnell dafür dass das ohne Wirkung blieb und sich bald relativierte.
Wie ein Pfeil schoss die Conqueror in den Himmel und näherte sich der äußeren Erdatmosphäre.
Kurz darauf entledigte sie sich auch schon der ersten ausgebrannten Stufe und wenig später der Zweiten.
Die Erde hinter sich lassen schwebt das Schiff durch den stillen, luftleeren Raum ihrer Mission entgegen.
Wie lange diese Reise dauern wird und ob sie jemals das gesteckte Ziel erreichen kann, das stand im wahrsten Sinne des Wortes in den Sternen.
Das erste Ziel führte sie zu den Koordinaten, an denen die Energie zuletzt gemessen wurde.
Mittlerweile wurde angenommen das es sich dabei um so was wie ein schwarzes Loch handeln musste.
Schnell Kurs aufnehmend näherte sich das Schiff mit Höchstgeschwindigkeit seinem ersten Bestimmungsort.

 

The Black Hole

 

Schwarz und finster war das All um uns herum, während die Erde hinter uns immer kleiner wurde.
Jarvis, der Australier berechnete das wir drei Tage bis zum Rendezvous mit dem schwarzen Loch brauchen würden
Dieser Trip ins All war anders als die vorigen. Hier ging es nicht um die Sicherstellung irgendwelcher Fossilien auf dem Mars.
Hier sollte ich nicht die unterirdischen Meere dort auf mögliches Leben untersuchen, oder gar nachweisen.
Dieses Mal sollten wir etwas suchen, was uns, unserer Erde verloren gegangen ist und was unsere Heimat in ziemliche Schwierigkeiten gebracht hat.
Ob uns das je gelingen würde, wer konnte das schon zu sagen.
Auf jeden Fall war diese Expedition die einzige Möglichkeit, wenn es überhaupt eine gab.

Am dritten Tag war die Erde nur noch ein winziger Punkt von vielen, irgendwo weit hinter uns.
Komisch, je näher wir kamen, desto weniger bedrohlich wirkte dieses "Etwas" auf mich.
Es sah gar nicht so bedrohlich aus, eher als wenn es hier gar nicht hin gehörte.
Als Jarvis aber meldete das wir in dreißig Minuten Sichtkontakt hätten war uns allen trotzdem ziemlich mulmig.
Seit dem großen Unglück 2029, bei dem eine komplette Raumstation der Asiaten in einem dieser wandernden, schwarzen Löcher verschwand und nie wieder auftauchte, hatten alle Schiffe immer eine großen Bogen um diese "Black Holes" gemacht.
Es gab damals auch Stimmen die behaupteten, die Amerikaner hätten etwas mit dem Unglück zu tun gehabt, was natürlich Blödsinn ist.

Noch zehn Minuten, wir waren schon sehr nahe und konnte fast hinein sehen, als mir plötzlich auffiel das es irgendwie verschlossen aussah.
Chin, bemerkte ebenfalls das mit diesem schwarzen Loch irgendwas nicht stimmte, als plötzlich merkwürdige Geräusche aus unseren Lautsprechern tönten.
Es klang als würde jemand etwas sagen, nur das wir kein Wort verstanden.
"Stopp Andy!" rief ich unserem Piloten zu.
Hover versuchte das Schiff zu stoppen, um nicht mit diesem Tor, oder was immer es war zu kollidieren.
Aber es war bereits zu spät. Bevor das Schiff allerdings mit diesem Tor kollidieren konnte schob es sich blitzschnell zur Seite.
Gezogen wie von Geisterhand bewegte sich unser Schiff fort und befand sich plötzlich inmitten eines gewaltig großen Raumes.
 
Hier sah es aus wie im Inneren einer Maschine. Komische Gebilde, ähnlich wie Rohre schienen hier überall entlang zu laufen und kleine unbekannte Lichtquellen beleuchteten spärlich die metallisch glänzenden, schwarzen Wände.
Doch noch bevor wir das näher betrachten konnten verschwammen plötzlich die Konturen und wir wurden mit unglaublicher Kraft in unsere Sitze gedrückt.
Wie von einem Katapult abgeschossen rasten wir durch...ja durch was eigentlich? Durch eine Maschine?
Ohrenbetäubender Lärm erfüllte das ganze Schiff, so dass wir versuchten mit den Händen unsere schmerzenden Ohren zu schützen.
Anscheinend wurde diese Maschine nicht gerade für Schiffe unserer Bauweise geschaffen, aber die Conqueror hielt stand.
Urplötzlich verschwand der Lärm und das Schiff verlangsamte endlich.
Nachdem es zum Stillstand gekommen war öffnete sich plötzlich eine große, schwarze Wand vor uns.
Anscheinend wieder ein Tor, das uns aber diesmal ins All zurückführte.
Wir wurden förmlich hinaus geschoben und verließen diese merkwürdige Maschine völlig ohne eigenen Antrieb.
Wo immer wir auch an die Luft gesetzt wurden, es musste sehr weit von unserer ursprünglichen Position entfernt sein.
Die Erde war überhaupt nicht mehr auszumachen und auf den ersten Blick erkannte auch Jarvis nicht wo wir uns befanden.
Er machte sich sofort daran die bekannten Sternenkarten zu studieren.
Anne untersuchte in der Zwischenzeit die Crew auf mögliche Folgeschäden durch die enorme Beschleunigung der Maschine, fand aber nichts gravierendes, außer ein paar kleinerer Beulen und Blutergüsse.
Während dessen untersuchten Chin und Hover das Schiff auf mögliche Schäden, konnten aber ebenfalls melden dass alles in Ordnung war.
"Tau Ceti" rief Jarvis aus, "das da ist Tau Ceti! Dieses System war mal Thema einer Studie von mir. Darüber habe ich eine Abhandlung geschrieben, es könnte nämlich theoretisch Leben dort geben."

 

Tau Ceti

 

Hm, er hatte Recht.
Tau Ceti ist ein Stern im astrologischen Sternbild des Walfisch, oder lateinisch ausgedrückt Cetus und ungefähr 12 Lichtjahre von der Erde entfernt.
Ihm werden ideale Voraussetzungen für Leben auf den, ihn umkreisenden Planeten zugetraut.
In gewisser Weise ähnelt Tau Ceti wohl unserem Sonnensystem.
Auch wenn bis heute keine Beweise dafür gefunden wurden ranken sich doch einige Geheimnisse um dieses System.
Seltsam, warum hat die Maschine uns ausgerechnet hierher gebracht?
Hatten die Wale womöglich den gleichen Weg genommen?
Hierher, ins Sternbild des Wales? Wäre schon möglich und irgendwie logisch. Na ja, nach menschlicher Logik.
"Kontakt!" rief Chin plötzlich in die nachdenkliche Stille.
"Wir haben hier eindeutig Signale die fremden Ursprungs sind."
Jarvis und Chin versuchten sogleich die Quelle zu orten, was sicher nicht zu schwierig sein dürfte.
"Aber, aber das kann nicht sein" bemerkte Jarvis verwundert. "Das muss ein Fehler sein".
Hm, sicher hatte er Recht, aber eigentlich wunderte mich hier gar nichts mehr.
Die Signale schienen von Deneb Kaitos zu kommen, einem so genannten orangenen Riesen.
Deneb Kaitos, auf arabisch "Schwanz des Ungeheuers". ebenfalls ein Stern, was Leben auf ihm absolut unmöglich macht.
Es sei denn wir sollten das bisher glauben, um ihm nicht zu nahe zu kommen.
Nannte man ihn in der Mythologie vielleicht deshalb "Schwanz des Ungeheuers", weil ihm niemand zu nahe kommen sollte?
Hm, kein Leben möglich? Jetzt, in diesem Moment schien da jedenfalls sehr wohl jemand auf sich aufmerksam machen zu wollen.
Ich ließ Jarvis den Kurs berechnen. Wir würden schon sehen ob wir verglühen, oder auf einen Planeten stoßen würden.
Kurz drauf waren wir auf dem Weg und Dank des neu entwickelten Neutronenantriebs würden wir auch bald am Ziel sein.
Deneb Kaitos war in der Tat alles andere als ein orangener Stern.
Ein Planet riesigen Ausmaßes, umhüllt von merkwürdigen Nebeln, bestehend aus Unmengen von rötlichen Asteroiden.
Wahrscheinlich waren sie es die wohl den irreführenden Eindruck des orangenen Riesen entstehen ließen, oder entstehen lassen sollten.
Nach einigen Untersuchungen und Tests durch Chin und Jarvis war Deneb Kaitos anscheinend durchaus mit der Erde vergleichbar.
Offensichtlich gab es dort sogar eine Atmosphäre, der unseren ähnlich.
Das Signal kam jedenfalls eindeutig von dort unten, also ließ ich Hover das Shuttle bereit machen.
Ich würde mit ihm zusammen dem Planeten einen Besuch abstatten.

 

Atmosphere

 

Ich bestieg das Shuttle mit Hover und mit gemischten Gefühlen. Was wenn wir nicht zurückkehren würden, was passierte dann mit der restlichen Crew?
Nun, Jarvis konnte das Schiff fliegen. Er würde sie sicher zurück bringen können.
Ob das dann allerdings noch erstrebenswert sein würde, wer weiß das schon.
Abgesehen davon hatten wir keine andere Wahl als diesen Signalen nachzugehen. Sie waren alles was wir momentan hatten.
Hover startete die Systeme des Shuttles und gab Jarvis über Funk das Zeichen die Schleuse zu öffnen.
Die Automatik schleuderte uns aus dem Mutterschiff heraus in Richtung Deneb Kaitos.
Man konnte nach dem Annähern nicht sehr viel von der Oberfläche erkennen. Als wir uns der Atmosphäre näherten änderte sich das Bild aber recht schnell.
Eine einzige Wand aus Wolken und Gasen baute sich vor uns auf, als das Schiff beschleunigte. Die Atmosphäre brachte die Schiffshülle durch die enorme Geschwindigkeit und die daraus resultierende Reibung zum glühen.
Hoffentlich hielten die Hitzeschutzschilde lange genug durch, sonst würde das eine recht kurze Mission für alle.
Als die Hitze im Schiff schon beinahe unerträglich wurde, riss die Wolkendecke plötzlich auf und das Shuttle verlangsamte seinen Sturzflug.
Doch was zur Hölle.....
Hover reagierte wie der Blitz, als er das Schiff gerade noch rechtzeitig in die Waagerechte brachte, bevor es mit den Kronen der baumartigen Gewächse zusammen stieß.
Hier machte sich wieder mal die Qualifikation eines Menschen bezahlt, dem endlose Trainingsflüge zu einer unglaublichen Reaktion verhalfen, was uns gerade das Leben gerettet hatte.
Zum Teufel, wer konnte auch ahnen das es hier Gestrüpp, so hoch wie Wolkenkratzer gab.
Zwei-dreihundert Meter hoch und dick wie Einfamilienhäuser, mit so was wie Blättern, groß wie Kleinwagen, die mussten unglaublich alt sein.

Über ihren Kronen schwebend breitete sich eine wunderschöne Landschaft vor uns aus. Wälder soweit das Auge reichte, Seen und Flüsse wie aus dem Bilderbuch.
So schön und friedlich dass das Ganze fasst schon wieder unwirklich erschien.
Nicht weit entfernt von uns waren davonfliegende Geschöpfe zu sehen, die für mich eine fast schon unheimlich wirkende Ähnlichkeit mit großen, prähistorischen Flugechsen hatten.
Sie waren anscheinend friedlicher Natur, oder hatten einfach nur Angst.
Angst vor unserem donnernden, plötzlich aus den Wolken hervorstoßenden, metallisch und weiß schimmernden Schiff.

Nicht zu glauben welche natürliche Pracht sich auf diesem Planeten vor uns präsentierte.
Deneb Kaitos, eigentlich ein unbewohnbarer, karger Planet auf dem Leben absolut unmöglich ist.
Zumindest waren wir seit ewigen Zeiten davon überzeugt. Wie konnten wir uns nur so geirrt haben?
Oder war es tatsächlich so das irgend jemand nicht wollte, das dieser Planet erforscht wird?
Wie auch immer, darum könnte sich später vielleicht eine andere Expedition kümmern.
Wir hatten schon eine Aufgabe und die war schwierig genug.

The Secrets of Deneb Kaitos

Wir flogen dem Signal entgegen so gut es ging, bis wir auf einer Lichtung einen geeigneten Landeplatz fanden.
Nach der Landung warteten wir bis sich der Rauch und der Staub völlig gelegt hatte und sahen uns über die Außenkameras um.
Durch diese hohen Gewächse kam hier unten nicht besonders viel Sonnenlicht an, auch wenn die Lichtung etwa hundertfünfzig Meter im Durchmesser maß.
Dadurch wirkte es etwa so wie die frühe Dämmerung bei uns zu Hause.
Um das Schiff herum war absolut keine Bewegung auszumachen, nicht mal die Pflanzen rührten sich.
Irgendwie wirkte das ganze Szenario etwas gespenstisch und ein wenig Unbehagen machte sich in mir breit.
Ich steckte den Handempfänger und einen Kommunikator ein und wies Hover an für alle Fälle beim Shuttle zu bleiben und nur die nähere Umgebung zu erkunden.
Außerdem hielt ich es für angebracht mir eine leichte Waffe und ein paar Granaten für alle Fälle einzustecken.
Na konnte ja nie wissen.

Das Signal war von hier nur noch wenige hundert Meter entfernt.
Die Sauerstoffwerte waren erstaunlicher Weise ähnlich wie bei uns auf der Erde.
Die Temperatur betrug 34 Grad Celsius und hatte tropischen Charakter.
Als sich die Shuttletüren geöffnet hatten stockte mir kurz der Atem. So eine extreme Luftfeuchtigkeit hatte ich noch nie in meinen Lungen gespürt.
Die Luft schmeckte leicht salzig und es roch nach einem Gemisch aus faulem Holz und betörenden Blumen.
Einige der Geräusche die plötzlich über mich hereinbrachen waren merkwürdig vertraut, andere wieder völlig fremd.
Offensichtlich gab es hier eine sehr vielfältige Flora und Fauna, die am Ende hoffentlich nicht zur Gefahr für mich wurde.
Schließlich machte ich mich allein auf den Weg in Richtung Signal.

Begleitet von den Geräuschen der Insekten und anderer Waldbewohner verließ ich die Lichtung und tauchte ein in eine Welt, die dunkel und trotzdem bunt, laut aber irgendwie gespenstisch schien.
Je weiter ich in den Wald vordrang desto gefangener und beobachteter fühlte ich mich.
Das Signal war jetzt sehr stark und wirkte fast fordernd, rufend auf mich.
Ich sah in etwa einhundert Meter Entfernung einen Felsen, auf den ich trotz der üppigen Vegetation einen freien Blick hatte.
Fast so als hätten sich alle Büsche und Bäume zur Seite geneigt, damit ich ihn besser sehen, oder besser erreichen kann.
Da das Signal auch aus dieser Richtung kam entschloss ich mich gerade dem Felsen einen Besuch abzustatten.

Plötzlich wurde es totenstill! Sämtliche Geräusche dieser Welt waren ohne Vorwarnung verstummt, als hätte jemand den Stecker aus der Stereoanlage gezogen.
Sekundenbruchteile später wusste ich warum.
Donnern und Krachen erschütterte den Boden unter meinen Füßen und ein furchtbares Brüllen ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Vertieft in diese fantastische Flora und Fauna hatte ich nicht mitbekommen das sich etwas genähert hatte, was jeglicher Beschreibung spottet.
Ein Tier, wenn man es so nennen darf, groß wie ein Zweifamilienhaus. Irgendeine Mischung aus T-Rex und Waran, oder Krokodil und Nashorn, mir fehlen einfach die passenden Worte.
Dieses Ding brauchte wahrscheinlich nur kräftig einzuatmen und hätte mich schon in seinem Schlund.
Der außerdem mit solchen Zähnen bestückt war, das ich sicher schon in Scheiben geschnitten in seinem Magen angekommen wäre.
Auf dieses Monstrum zu schießen hätte wahrlich nur lächerlich gewirkt, hier bedürfte es schon einer kleinen Armee, um wenigstens etwas Schaden anzurichten.
Hover zu rufen war sinnlos und außerdem viel zu spät, der Weg zum Shuttle nicht mehr zu schaffen.
Verstecken hatte auch wenig Sinn, die Bestie hatte mich schon entdeckt.
Einzig der Felsen, in dem sich eine Höhle zu befinden schien, könnte mich retten.
Also rannte ich los, in der Hoffnung dass dieses große Ding wenigstens annähernd so träge war wie es aussah.
Als es sah das sein Imbiss sich verabschieden wollte machte es einen riesen Satz, übersah dabei aber einen kleineren Baum und stieß mit seiner Schulter direkt dagegen.
Der Baum zerbarst in tausend Stücke als wäre er aus Papier, schien das Tier aber wenigstens aus seiner ursprünglichen Bahn geworfen zu haben.
Wie ein Flugzeug bei einer Bruchlandung rutschte es hinter mir etliche Meter über den Boden und wurde dabei leicht eingegraben.
Das verschaffte mir den Vorsprung den ich brauchte und so gelang es mir den Felsen unbeschadet zu erreichen.
Was ich dort vorfand war allerdings alles andere als eine Höhle. Mitten im Felsen befand sich eine große Tür mit komischen Zeichen!
Ungeachtet dessen was mich da drinnen erwarten könnte stieß ich sie auf, stürmte hinein und schloss sie sofort hinter mir.

Krachend fiel die Tür hinter mir ins Schloss.
Bläuliches Licht, deren Quelle ich nirgends orten konnte hüllte die kargen, steinigen Wände und Decken in eine kalte Atmosphäre
Trotzdem war es ziemlich dunkel. Ständig von der Decke tropfendes Wasser macht die Atmosphäre nicht gerade freundlicher.
Nebel waberte eben über den glatten, feuchten Boden.
Dieser Nebel roch etwas merkwürdig, wirkte fast schon betäubend.
Ich befand mich in so etwas wie einer Halle, aus der drei Gänge ins Unbekannte führten.
Das Signal war hier so stark wie nie zuvor, anscheinend hatte ich die Quelle fast gefunden.
Wer immer das Signal also aussendete, war wohl auch für diese "Höhle" verantwortlich, oder zumindest hier zu finden.
Ob ich hier etwas über den Verbleib der Wale erfahren würde?
Plötzlich sah ich in einem der Gänge eine Bewegung, oder besser gesagt einen Schatten.
Ich ging in seine Richtung, konnte aber niemanden entdecken.

Ich hatte plötzlich den Drang diesem Gang ein Stück zu folgen, keine Ahnung warum.
Aber hier herum zu stehen und zu warten war sowieso keine Lösung.
Vielleicht lag es aber auch an diesem merkwürdigen Geruch, der mir immer mehr die Sinne zu rauben schien.
Kaum hatte ich ein paar Meter in diesem Gang zurückgelegt, erschien plötzlich eine schemenhafte, geisterhafte Gestalt vor mir.
Sie bewegte sich direkt vor mir hin und her, schien fast zu schweben.
Zwei Augen sahen mich an, tiefschwarz und doch irgendwie blass.
Je länger die Gestalt ansah desto mehr nahm sie eine mir irgendwie vertraute Form an.
Ein Körper manifestierte sich, nahm menschliche Züge an. Mir stockte fast der Atem als ich sah was da vor mir entstand.
Die Augen hatten ihre Farbe verändert, waren jetzt tiefblau und strahlend. Der Körper wurde geschmeidig und die nackte Haut schimmerte in einem leicht bräunlichen Teint.
Lange schwarze Haare kamen zum Vorschein und umschmiegten den makellosen Körper einer Frau bis zu den Hüften.
Nicht zu fassen, was sich da vor mir manifestierte war...Elisabeth...meine eigene Frau.
Das war doch gar nicht möglich! Nicht nur das sie niemals hier auf diesem Planeten sein konnte, sie war doch schon seit vier Jahren Tod!
Gestorben bei einem Unfall in ihrem Labor. Sie arbeitete dort an einem geheimen Projekt der Regierung, das mir bis heute unbekannt ist.
Aber irgendwie wurde mir das in diesem Moment gar nicht bewusst. Ich sah nur sie, wie sie vor mir stand, oder besser gesagt schwebte und fühlte enorme Glücksgefühle in mir.
Sie lächelte während sie näher kam und ihre Arme nach mir ausstreckte.
Ich merkte dass meine Arme sich ihr ebenfalls entgegen sehnten und nahm sie im wahrsten Sinne des Wortes in mir auf.

Oh Gott..., mein Herz schien stehen zu bleiben, ich konnte nicht mehr atmen.
Schwindel erregend schnell schoss mir das Blut in den Kopf.
Irgendetwas schien sich um mein Gehirn und mein Herz zu schließen und beides heraus reißen zu wollen.
Ein schier unerträglicher Druck machte sich breit und ich hatte das Gefühl gleich zu bersten.
Aber plötzlich war es vorbei. Der Druck, die Schmerzen, die Angst, alles war augenblicklich wie weggeblasen.
"Schließe Deine Augen" sagte eine Stimme, nein nicht irgendeine sondern ihre vertraute Stimme zu mir.
Erinnerungen wurden wach von denen ich dachte sie längst in meinem tiefsten Inneren begraben zu haben.
Die vielen schönen Stunden, Tage, Nächte und Jahre die wir gemeinsam verbracht hatten, die Liebe die sie mir schenkte.
All das war plötzlich wieder präsent und nahm mich völlig gefangen.
Ich bemerkte kaum wie ich langsam vom Boden abhob und den Gang entlang schwebte.
Wie ich an Räumen, die Zellen ähnlich waren vorbei kam, an riesigen Behältern, die Tanks ähnelten und wie sich die Höhle langsam in etwas anderes verwandelte.
"Erforsche deine Gefühle, dein Innerstes, das Verborgene in Dir", flüsterte sie.
Ihre Worte und scheinbaren Berührungen waren so betörend, das ich alles andere um mich herum vergaß.

Die Umgebung wirkte plötzlich kälter, heller und irgendwie bedrohlich, aber das war mir völlig egal.
Nur das sie bei mir war zählte, alles andere war unwichtig.
Das Licht wurde gleißender, fast wie die Neonbeleuchtung einer großen Fabrikhalle.
Ich bemerkte wie ich langsam nach hinten kippte, aber nicht fiel, sondern wie von Geisterhand gehalten in die Horizontale gebracht wurde.
Langsam senkte ich mich nieder und bemerkte etwas Kaltes und Hartes unter mir.
Dann lag ich auch schon auf einer Art Tisch, unfähig mich zu bewegen.
Der Druck in meinem Kopf war plötzlich wieder da. Nicht so heftig wie zuvor, aber doch unangenehm.
Ein heftiges, nerviges Piepen drang an mein Ohr, das mir irgendwie bekannt vorkam.
Ich konnte es zwar nicht einordnen, war mir aber sicher es zu kennen.
Eigenartige Laute, wie Stimmen ertönten plötzlich um mich herum, aber ich verstand kein Wort.
Auch Elisabeths Stimme klang auf einmal irgendwie anders. "Fühlst du die Hitze?" sagte sie zu mir.
War sie das noch, oder jemand anderes? Ja, ich fühlte wirklich etwas. Einen stechenden Schmerz in meinem linken Arm. Ein Gefühl als würde mein Arm ausgesaugt,  zusammengezogen zu einem Vakuum.
Ein Brennen als würde der Arm direkt in einem Feuer liegen breitete sich aus und wollte Besitz von meinem ganzen Körper nehmen.
Ich konnte nur mit Mühe meinen Kopf etwas nach links drehen und sah mit Schrecken das irgendetwas großes, Zigarrenförmiges in meinem Arm steckte.
Etwas Blut lief an der Einstichstelle herunter. Sehr viel mehr Blut floss allerdings durch dieses Ding und den daran hängenden Schlauch.
Ich folgte mit den Augen dem Weg meines Blutes und sah dass der Schlauch an einem riesigen, tankähnlichen Behälter angeschlossen war.
Noch viele andere Schläuche führten dorthin, gefüllt mit grünen, schwarzen und roten Flüssigkeiten.
Leichter Nebel hing über diesem "Behälter", als wenn er extrem kalt wäre.
Geräusche drangen dort heraus, knurrende, bedrohlich wirkende Geräusche.
Was war bloß da drinnen und wieso lief mein Blut dort hinein?

Das piepende Geräusch drang jetzt plötzlich tief und bohrend in mein Bewusstsein.
Was war das...bloß......natürlich, der Kommunikator! "Bergmann.....Markus verdammt noch mal, wo stecken sie?" brüllte Hover aus dem Gerät.
Endlich wurde ich aus meiner Lethargie gerissen.
Wo zur Hölle war ich hier gelandet? Wieso lag ich hier tatenlos rum, während mir jemand das Blut absaugt und es offensichtlich irgendeiner Kreatur zukommen lässt?
Wo war Elisabeth geblieben? Verdammt, ich musste endlich wach werden, "Elisabeth ist schon lange tot du Narr!" brüllte ich mich selber an so laut ich konnte.
Geisterhafte Wesen wichen plötzlich weit von mir zurück. Keine Ahnung wie lange die schon um mich herum gestanden hatten, aber offensichtlich waren sie durch meine heftige Reaktion erschreckt.
Das hatte auch auf mich gewirkt, ich war plötzlich wieder hellwach Mit einer schnellen Armbewegung riss ich dieses Ding aus meinem linken Arm und schleuderte es zu Boden. Blut spritzte aus einer großen Einstichwunde in meiner Armbeuge.
Ich musste schnell etwas finden um die Blutung zu stoppen.
Mein Notfallset, ich trug es immer noch bei mir, wie alles andere auch. Diese Kreaturen mussten sich ihrer Sache sehr sicher gewesen sein, dass sie mir selbst meine Waffe und die Granaten gelassen hatten.
Vielleicht wussten sie auch einfach nicht was das für Dinge waren.
Rasch klemmte ich mir einen Schnellverband auf die Wunde und sprang auf.
Diese Halle hatte nur einen Ausgang, die Wahl fiel also leicht.
Ich sprintete los, während sich hinter mir mit einem lauten brüllen und toben etwas daran machte diesem Tank zu entkommen.
Beim Austreten aus der Halle sah ich gerade noch wie ein riesiges, schwarzes Ungetüm heraus sprang, sich allerlei Schläuche und Kabel vom Leib riss und die Verfolgung aufnahm.
Offensichtlich bin ich wohl unfreiwillig Teil einer Reanimation oder so was gewesen, die leider schon abgeschlossen ist.

"Andy, machen sie das verdammte Shuttle startklar, ich bin gleich draußen!" "Wo draußen, wo sind sie denn überhaupt? Ich versuche schon seit...." "Das erkläre ich ihnen später, nun machen sie schon was ich ihnen sage!"
Ich steckte den Kommunikator ein und rannte weiter. Dieses Biest war sehr schnell, ich musste mir irgendwas einfallen lassen, damit es aufgehalten wird.
Die Behälter, schoss es mir durch den Kopf. Ich erinnerte mich vage an die riesigen Behälter die wie Tanks aussahen.
Da dieses Labor, oder was immer es war nur einen Ausgang hatte musste ich theoretisch doch gleich wieder dort vorbei kommen.
Ich griff nach den Granaten. Sie hatten zwar einen Timer, aber ich hatte keine Ahnung wie lange ich brauchen würde um hier heraus zu kommen.
Ich entschloss mich eine der Granaten sofort zu werfen, vielleicht hielt das die Kreatur etwas auf.
Als ich an einem der zahlreichen Stützpfeiler vorbei lief machte ich sie scharf und ließ ich sie einfach fallen.
Sekunden später ertönte ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einem furchtbaren Brüllen.
Sollte ich soviel Glück gehabt haben das........nein, kurz darauf hörte ich auch schon das Toben und Schreien der Bestie.
Sie war nicht tot, wahrscheinlich nicht mal verletzt. Aber anscheinend hatte die Granate ihr doch einiges an Schutt und Geröll in ihren Weg gesprengt, der erst beiseite geschafft werden musste.
Na gut, wenigstens etwas Zeit gewonnen.

Da kamen sie auch schon in mein Blickfeld, diese riesigen Behälter. Hinter mir war es momentan ruhig, nur in einiger Entfernung war das tobende Monster zu hören.
Wie lange würde es sich noch aufhalten lassen, eine Minute, oder zwei? Und wie lange würde ich brauchen bis ich den Ausgang erreicht hatte?
Ich musste es einfach riskieren. Ich stellte den Timer auf sechzig Sekunden, warf die Granaten im vorbeilaufen zu den Tanks und startete meine Stoppuhr.
Sechzig Sekunden konnten recht schnell vorbei gehen, vor allem wenn man den vor einem liegenden Weg nicht mehr kennt.
Der Gang wurde etwas schmaler, die Beleuchtung etwas bläulich. Das kam mir irgendwie bekannt vor, als wäre ich schon mal hier gewesen.
Noch fünfundvierzig Sekunden.
Plötzlich mündete der Gang in eine große Höhle. War das die gleiche Halle wie bei meinem Eintreten? Aber wo war dann die verdammte Tür?
Die gegenüberliegende Wand war einfach nur schwarz, kein Lichtschein drang irgendwo hindurch.
Noch zwanzig Sekunden.
Ich lief ans andere Ende der Halle und drehte mich um. An irgendetwas musste ich mich doch erinnern können.
Leichter Nebel wabberte über den Boden als ich auf die drei, bläulich beleuchteten Gänge blickte.
Noch zehn Sekunden.
Plötzlich fiel es mir wieder ein.
Als ich die Höhle betreten hatte stand ich dem mittleren Gang genau gegenüber, jetzt aber stand ich vor dem rechten.
Ich drehte mich nach links und lief los. Irgendwo hier musste doch die verdammte Tür sein.
Halt, da lag etwas Dreck auf dem Boden, der vielleicht von meinen Füßen beim eintreten in die Höhle hinterlassen worden war, hier muss....

Die Explosion hörte ich gar nicht. Erst ein tiefes Grollen, das sich unaufhaltsam näherte und immer lauter wurde kündigte an, das die Timer abgelaufen sein mussten.
Ich sah auf meine Stoppuhr...ja, die Zeit, meine Zeit war um.
Was immer auch in den Tanks gewesen war, es schien wohl nicht gut auf meine Granaten zu sprechen gewesen zu sein.
Jetzt erst waren einige Explosionen zu hören, deren Geräusche in dem Grollen aber fast völlig unter gingen.
Das Grollen wuchs zu einem Brüllen und Tosen an, als würde man mitten in einem riesigen Wasserfall stehen.
Plötzlich schoss so etwas wie eine qualmende, staubige Druckwelle aus dem Gang hervor, aus dem ich gekommen war.
Sie strömte in die Höhle, breitete sich aus und war so stark das sie mich durch eine Öffnung in der Felswand einfach hinaus schleuderte.
Anscheinend hatte ich zufällig genau vor der Tür nach draußen gestanden, die wegen ihrer Schwärze von innen nicht auszumachen gewesen war.
Im hohen Bogen flog ich durch die Luft.
Der Druckwelle folgte ein gewaltiger Knall, so laut und mächtig, dass er wohl auf dem ganzen Planeten gehört werden konnte.
Durch den Rauch sah ich noch eine Feuerwalze in den Himmel schießen, als ich schließlich unsanft auf dem Waldboden landete und ohnmächtig wurde.

Ich weiß nicht wie lange ich so dagelegen hatte, als mich das nervige Piepen des Kommunikators aus der Ohnmacht holte.
"Markus hören sie mich, was ist denn da los? Sind sie in Ordnung?" Andy Hovers Stimme krächzte verzweifelt in die tödliche Stille.
Wahrhaftig, es war still wie auf einem Friedhof.
Sämtliche Geräusche des Waldes waren verstummt, als wäre im Umkreis mehrere Kilometer nichts und niemand mehr am Leben, oder geflohen.
"Markus, ich habe etwas gefunden, einen Hinweis auf die Wale!"
Langsam stand ich auf und tastete an mir herab. Anscheinend hatte ich den unfreiwilligen Flug heil überstanden, auch wenn ich jeden Knochen im Leib spüren konnte.
Um mich herum war alles schwarz von Asche, die immer noch permanent vom Himmel regnete.
Die Büsche und Pflanzen, der ganze Boden und auch ich selbst waren völlig davon bedeckt.
Der Felsen mit seiner Höhle existierte, soweit ich sehen konnte nicht mehr, er war völlig in sich zusammen gefallen
Von irgendwelchen Kreaturen keine Spur, anscheinend hat die Explosion auch dieses, durch meine Hilfe wiedererweckte Ding für immer begraben. Hoffentlich!
"Alles in Ordnung Andy, ich mache mich jetzt auf den Weg zum Shuttle. Was haben sie denn gefunden?"
Ächzend streckte ich mich und ging los, während Hover mir erzählte was er gefunden hatte. Er berichtet von einer großen Steintafel auf der ein Wal, umgeben von Sternen angebildet ist.
Da sie zu groß zum mitnehmen war hat er Aufnahmen davon gemacht. Neugierig auf die Bilder ging ich nun etwas schneller.

Escape

Ich erreichte das Shuttle schnell und ohne weitere Zwischenfälle.
Zischend öffnete sich die Tür, hinter der mich Hover schon aufgeregt erwartete.
"Zeigen sie her was sie haben, Hover und starten sie das Shuttle.
Wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden!"
Hover gab mir die Bilder, die ich mir ansah, während er eine kleine Schnittwunde an meinem Hinterkopf behandelte.
Hm, ein Wal umgeben von Sternen, zumindest sah es so aus.
Vielleicht war das eine Karte, zumindest aber ein neuer Hinweis den es zu entschlüsseln galt.
Jarvis sollte sich das mal ansehen, also sendete ich per Funk eine Kopie des Bildes an die Conqueror.

Nachdem die Triebwerke gestartet waren, hob das Schiff ab und schwebte langsam in Richtung Baumkronen.
Nach langen Minuten schaffte es endlich auch die Sonne von Tau Ceti die dunklen Aschewolken zu durchdringen.
Diese "Tanks" mussten unglaubliche Energiemengen, wahrscheinlich als flüssige, oder gasförmige Substanz enthalten haben, die der Kraft eines kleinen, irdischen Vulkans ähnlich sind.
Zu meinem Glück hatte sich diese gewaltige Energie senkrecht nach oben und vielleicht noch nach unten entladen, sonst wäre von mir, dem Wald und allem Lebendigen darin nichts mehr übrig geblieben.
Hover konnte sich und seine Neugier nicht mehr zurück halten. "Nun los Mann, erzählen sie endlich was da passiert ist! Was hatte die Explosion zu bedeuten? Haben sie auch irgendetwas gefunden?"
Den Rückflug zur "Conqueror" verbrachte ich also damit Hover alles zu berichten.

Fear and Hope

Zurück auf dem Schiff erzählte ich, während Jarvis sich ausgiebig Hovers Bildern widmete, in knappen Worten dem Rest der Crew was auf Deneb Kaitos passiert war,
Offensichtlich war dieses Signal einzig dazu gedacht gewesen ahnungslose Reisende auf den Planeten zu locken um sie für abscheuliche Experimente zu missbrauchen.
Irgendwie hatte diese Wesen wohl die Möglichkeit Gedanken zu manipulieren und jeden dadurch willenlos zu machen, was bei mir ja auch hervorragend funktioniert hatte.
Aber außerdem hatte Hover diese Platte gefunden und auch das passierte sicher nicht ohne Grund.
"Na ja, ich hatte die nähere Umgebung des Shuttles ein wenig erkundet und habe die Platte erst auf dem Rückweg zum Shuttle gesehen. Ich könnte allerdings schwören dass sie dort vorher nicht gelegen hat.
Als wenn also jemand wollte das ich sie finde" erzählte Hover.
Hm, konnte es sein das wir einer mit Absicht gelegten Spur folgten? Erst dieses Sprungtor, oder wie immer man das nennen sollte, das uns hierher gebracht hatte und dann dieses Signal, das uns auf Deneb Kaitos und schließlich zu dieser Steinplatte führte. Gab es doch noch Hoffnung für uns, oder führte uns hier jemand an der Nase herum? Aber wozu dann der ganze Aufwand? Es wäre sicher erheblich einfacher die Erde einfach sterben zu lassen.
"Das hat doch alles keinen Sinn!" unterbrach Anne Markan unsere Gedanken. "Wir kurven hier von einem Punkt des Universums zum nächsten, ohne Sinn und Verstand folgen wir irgendwelchen ominösen Spuren die wahrscheinlich irgendein außerirdischer Witzbold mal überall verstreut hat. Wir werden fast von Monstern getötet, von verrückten Maschinen durchs All geschleudert und uns werden alte Steintafeln vor die Füße geworfen. Das ist doch alles völlig irre und total sinnlos! Ich will zurück zur Erde, zurück zu meiner Familie! Lieber bin ich bei ihnen und sterbe mit ihnen zusammen, als hier rumzukurven bis uns Treibstoff und Atemluft ausgehen und absolut nichts daran ändern zu können!" Mittlerweile war sie in Tränen ausgebrochen, die in großen Bächen ihre Wangen hinunter liefen. Auch die anderen ließen jetzt betreten die Köpfe hängen. Bei dem Gedanken an ihre Familien und was ihnen bald zustoßen würde konnten auch sie die Tränen nicht mehr zurück halten. Der Druck und die Anspannung der letzten Tage taten ihr übriges.
"Hören sie Anne" sprach ich in die betretene Stille hinein. "Natürlich wären wir alle jetzt am liebsten bei unseren Lieben um das Schicksal mit ihnen zu teilen. Aber könnten sie sich verzeihen wenn sie wüssten das sie als einzige die Möglichkeit bekommen hätten dieses grausame Schicksal von allen Menschen abzuwenden und wenn sie es dann nicht wenigstens versucht hätten? Ist es besser aufzugeben und zu sterben anstatt diese eine Möglichkeit stellvertretend für alle wahr zu nehmen und sein bestes zu geben bis zum, vielleicht bitteren Ende?"
"Sie haben völlig Recht, Markus!" sagte Liu Chang. Ich für meinen Teil will nicht tatenlos zusehen wie alles den Bach runter geht! Vor allem nicht wenn man mir die Möglichkeit geschenkt hat etwas zu ändern, und das sehe ich als Geschenk!"
Ein hoher, schriller Pfeifton riss uns unsanft aus unseren Gedanken.
Die Sensoren des Schiffs hatten anscheinend etwas entdeckt.

NGC-246

Liu Chang ging an ihren Platz zurück und prüfte den Computer.
"Hier ist was.....wir haben hier eine merkwürdige Anhäufung von ...Irgendwas...jedenfalls meldet das der Computer."
"Geben sie mir bitte die Koordinaten, Liu" sagte Martin Jarvis.
"Aha, das ist ein Planetarischer Nebel, müsste NGC-246 sein. Ein recht alter Nebel der schon 1785 hier im Cetus System entdeckt wurde.
In ihm befinden sich einige interessante Sterne, aber Leben dürfte es da wohl kaum geben.
Allerdings, wenn ich mir das so betrachte......ich will verdammt sein, diese Sternenkonstellation hat ziemliche Ähnlichkeit mit dem Bild das Hover gemacht hat.
Wir müssten näher heran damit ich was Genaues sagen kann!"
"Ok, berechnen sie den Kurs Martin, wir sehen uns das mal aus der Nähe an!"

Nebula

Obwohl wir von dem Nebel noch recht weit entfernt waren übte er schon jetzt eine faszinierende Wirkung auf uns aus.
Er wirkte bunt und lebendig, so anziehend das ich kaum die Augen von ihm lassen konnten.
Den anderen ging es anscheinend genauso.
Beinahe wie hypnotisiert saßen wir da und hatten den Eindruck das Schiff würde mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit von ihm angezogen.
Wabernd und leuchtend kam der Nebel immer näher.
Plötzlich verschwand das Schiff um mich herum und ich befand mich ganz allein mitten im All. Eigentlich hätte ich schreien müssen, panisch werden bevor ich sterbe, irgendwas in dieser Richtung.
Aber nichts dergleichen geschah.
Ich hatte keine Angst, nicht mal mein Puls erhöhte sich. Dieser faszinierende Nebel saugte mich auf wie ein Schwamm, obwohl wir doch eigentlich noch Lichtjahre entfernt sein mussten.
War das real, oder spielte mir mein Verstand nur einen letzten Streich, bevor ich im All krepierte?
Wunderschöne Farben entstanden vor meinen Augen. Warme, weiche Muster wie ich sie noch nie vorher gesehen hatte.
Ich fühlte mich wie auf Wolken getrieben als ich plötzlich jemanden auf mich zukommen sah.
Die Gestalt sah aus wie.....meine Mutter?! Sie hatte jemanden an der Hand der aussah wie...Peter, mein kleiner, fünfjähriger Sohn.
Er war erst ein Jahr alt gewesen als Elisabeth starb, seitdem lebte ich mit ihm allein. Jetzt, während der Mission war er bei meinen Eltern.
Sie waren nur wenige Meter von mir entfernt.
Ich streckte meine Hand nach ihnen aus, aber meine Hand griff ins Leere.
"Markus" rief Mutter meinen Namen. "Markus, hilf uns, lass uns nicht so einfach sterben" Ich sah wie ihr Tränen über das Gesicht liefen.
"Papa, ich hab Angst!" weinte auch der kleine Peter. Da erschien auch mein Vater wie aus dem Nichts. "Markus" sagte er mit ernster, fast beschwörender Stimme. "Gib nicht auf, ihr seid unsere letzte Hoffnung!"
Die Bilder wurden plötzlich schwächer, als wenn der Empfang immer schlechter wird. "Findet die Wale...Bitte!" Die Stimme meiner Mutter wurde leiser und war kaum noch zu verstehen. Die Bilder lösten sich langsam auf. Wirre Konturen und Farben schwirrten vor meinen Augen und plötzlich wurde alles schwarz.

Survival

Als ich wieder zu mir kam brummte mein Schädel wie ein ganzer Bienenschwarm. Ein Blick zu Seite zeigte mir dass es den anderen wohl ähnlich ging, wobei Anne wohl noch bewusstlos schien.
Ich konnte sehen dass sie weinte, offensichtlich hatte sie ähnliche Träume wie ich, wie wir alle.
"Was...was war das eben?" fragte Hover. "Sah aus wie 'ne Vision von der Erde, total unlogisch wenn ihr mich fragt. Der Nebel hat uns da wohl irgendwas vorgegaukelt"" antwortete Jarvis.
"Vorgegaukelt? Also ich fand das ziemlich real!" erwiderte ich.
"Ich habe Soldaten und Flugzeuge gesehen, mitten in New York"! Hovers Stimme klang fast panisch.
"Lasst uns sofort weiter suchen!" rief Anne, die gerade zu sich gekommen war laut aus. Angst stand in ihren Augen. "Ich habe meine Kinder gesehen, meine Eltern und Großeltern, wie sie um Hilfe rufen. Überall war Feuer und ich konnte Schüsse hören! Lasst uns sofort weiter machen, bevor es zu spät ist!"
Angst und Verzweiflung schien die Menschen auf der Erde zu beherrschen. Irgendetwas Schlimmes musste passiert sein.
Was immer wir auch gesehen hatten, es schien direkt von der Erde zu uns gesendet worden zu sein. Aber von wem? Unsere Technologie reichte bei weitem nicht aus um bis in unsere Gedanken vorzudringen.
Entsprach das was wir gesehen hatten der Wahrheit, oder wurden wir nur wieder hinters Licht geführt?
Egal ob Wahrheit oder nicht, wir mussten weiter machen. Wir mussten weiter suchen und hoffen das, wer immer uns auch diese neue Hinweise gegeben hatte, er es gut mit uns meinte.